Mittwoch, 11. März 2009
Klischee olé
Wenn ich mir so durchlese, was ich gestern über mich, meine Vorlieben und Dinge, die ich absolut nicht ausstehen kann, geschrieben habe, fällt mir wieder mal auf, wie viele der typischen Schwulenklischees ich doch erfülle…

Komisch eigentlich - ich habe mir schließlich weder mein Schwulsein ausgesucht und daraufhin dann meine Vorlieben und Abneigungen sorgfältig abgestimmt (damit man nur ja in die typischen Schubladen reinpasst, denn Ordnung muss ja schließlich sein, nicht wahr?), noch gewusst, was "mann" als typischer Schwuler eigentlich so zu bevorzugen und was man abzulehnen hat.

Das kam bei mir alles ganz automatisch - manche Dinge waren schon lange vor dem Zeitpunkt da, bevor ich überhaupt wusste, was "schwul sein" überhaupt bedeutet, geschweige denn, dass ich selbst mal "so einer" sein würde…

Dass ich zum Beispiel Mannschaftssportarten hasse - und überhaupt alle Sportarten, in denen irgendwas mit Bällen veranstaltet wird (was ich bitte nicht falsch verstanden wissen möchte *grins*) - ist bei mir schon so, seit ich denken kann. Erst viel später habe ich in zahlreichen Schilderungen von anderen Schwulen erfahren, dass diese Abneigung anscheinend ziemlich weit verbreitet und damit für unsere "Gattung" absolut typisch ist…

Naja, dass mein Faible für Mode, Trends und ein stylishes Outfit schon etwas eindeutiger gelagert ist und ein typisches Klischee erfüllt, das war auch mir schon relativ früh klar - entsprechende Bemerkungen gerade der anderen Jungs in meiner Klasse blieben dann auch nicht aus…

Oder meine Liebe zur (klassischen) Musik: Ich bin in einem musikalischen Elternhaus aufgewachsen (diese "Sozialisation" durch die eigene Familie ist offenbar in den meisten Fällen heutzutage der Grundstein für eine spätere Begeisterung junger Menschen für klassische Musik, wie ich gelesen habe - es gibt ja zu allem ausführliche Studien), wir haben ein Klavier zu Hause und ich war schon als Fünf- oder Sechsjähriger fasziniert von diesem Holzkasten, mit dem man so schön Musik machen konnte! Das wollte ich damals unbedingt auch können und so war es schnell klar, dass ich Klavierunterricht bekam. Das war der Beginn - das "weite Feld" der umliegenden klassischen Musik eroberte ich mir von hier aus in den folgenden Jahren quasi automatisch (Anregungen meines Klavierlehrers aber auch unserer Musiklehrerin in der Schule gaben weitere Anstöße). Und dann der erste Besuch zusammen mit meinen Eltern in der Oper (da war ich 10 Jahre alt) - was für ein unvergessliches Erlebnis! Ich war dermaßen fasziniert und begeistert, dass ich das gar nicht in Worte fassen kann.

Ich hatte soviel Spaß an dieser ganzen Sache - diese Art von Musik gefiel mir so gut, dass mir erst nach einiger Zeit auffiel, dass viele meiner Klassenkameraden mit "solcher Musik" nichts oder nur sehr wenig anfangen konnten. Das konnte ich gar nicht verstehen.

Und wiederum habe ich dann Jahre später mitbekommen, dass auch diese Liebe zu Musik und Kunst (ich bin auch ein Fan von Graphik, Design und Malerei - vor allem Jugendstil!) im Allgemeinen als typisch schwules Merkmal eingestuft wird (was ja eigentlich ziemlich albern ist - als ob Hetero-Männer sich grundsätzlich nicht für Kunst & Co. begeistern könnten!!) - ich konnte es nicht glauben: War ich so berechenbar gestrickt, dass ich mit allem unwiderruflich auf ein Dasein als Schwuler hinsteuerte? Dass das für denjenigen, der "Symptome" wie die oben beschriebenen bei mir erkannte, im Prinzip schon seit Jahren klar, worauf das alles bei mir hinauslaufen würde, noch bevor ich es selber so genau wusste?

Mein Onkel (jetzt Anfang 40, hetero) hat mir zum Beispiel nach meinem Coming-out vor fast 4 Jahren mit breitem Grinsen erzählt, dass er das seit Jahren bei mir so hat kommen sehen… (ich mag ihn trotzdem - trotz dieser unglaublich hilfreichen Bemerkung!)

Wer denkt sich eigentlich überhaupt solche albernen Zuordnungen aus? Und wie kommt so was bloß, dass man - ohne es zu wollen oder genau zu wissen - dann doch oft in so typischen Schubladen landet?

Wenn man das dann irgendwann später mal realisiert, erschrickt man sich ganz schön und ist überrascht, fasziniert und entsetzt - bei mir war es eine Mischung aus alledem. Ich habe mich irgendwie ertappt, beobachtet und so … berechenbar gefühlt. Sooo bewusst war mir das alles bis dahin noch gar nicht geworden…

Aber: Wenn ich das alles bereits vorher gewusst hätte - dass ich mich z. B. als Modefreak, Kunst- und Opernfan zumindest in meinem Alter relativ leicht und eindeutig selbst als schwul oute, ohne es dann überhaupt noch aussprechen zu müssen - hätte ich dann auf das alles verzichtet, nur um nicht unangenehm als "anders" aufzufallen und den blöden Bemerkungen vieler Mitschüler ausgesetzt zu sein?

Die Antwort lautet ganz klar: Nein! Nie und nimmer!!

Ich hätte auf soviel Schönes verzichten müssen, soviel, das mir unglaublich viel bedeutet und das mich auch geprägt hat! Der Preis für diesen Verzicht wäre zu hoch gewesen, ganz ehrlich! Und im Nachhinein bin ich froh, dass ich diese Kurve gekriegt und mich nicht den anderen zuliebe "verbogen" habe. Ich bin meiner Linie treu geblieben und habe gelernt, blöde Anmachen und dumme Sprüche zu ignorieren.

Aber dazu beim nächsten Mal mehr …

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