Freitag, 13. März 2009
Anders sein (Teil 1)
Gerade in den letzten Tagen sind mir die Begriffe "Anderssein", "Außenseitertum" und "Mobbing" wieder häufig begegnet - es wird ja zur Zeit wieder einmal öffentlich groß über diese Phänomene diskutiert, speziell natürlich über die besondere Situation an Schulen.

Wenn ich da an meine eigenen Erfahrungen denke, muss ich sagen, dass es zwar löblich ist, eine solche Debatte zu führen, die aber letztlich nichts oder nur sehr wenig bringt, weil sie doch nicht diejenigen erreicht, die sich hier ganz besonders angesprochen fühlen müssten.

Dass ich irgendwie "anders" bin als die Jungs in meinem Alter, habe ich schon auf der Grundschule gemerkt: Ich habe damals hauptsächlich mit den Mädchen meiner Klasse gespielt, war eher selber ein "klassisches Mädchen" (wo wir hier schon von Rollenklischees reden...!): Sensibel, ruhig, mit einer Vorliebe für Bücher, Musik und überhaupt kreative und künstlerische Tätigkeiten. Genau wie meinen Freundinnen war mir der wilde, laute und irgendwie verstörend aggressive Haufen der meisten anderen Jungs fremd, unheimlich und zuwider. Wir fanden die Jungs - ohne es jetzt so konkret in Begriffe fassen zu können - primitiv, derb, grobmotorisch, albern und zerstörerisch.
Ich fand zunächst nichts dabei, dass ich als einziger Junge in meiner Klasse zusammen mit (fast) allen Mädchen dieser Ansicht war und wir uns von diesen "Halbwilden", die lärmend auf dem Schulhof rumtobten, sich prügelten und ständig Fußball oder Basketball spielten, so gut es ging fernhielten. Für mich war das eine logische Entwicklung: Ich konnte mit denen nix anfangen, also gab ich mich mit denen ab, deren Einstellung mir viel mehr zusagte. Irgendwann fiel aber nicht nur mir auf, dass das eben ausnahmslos nur die Mädels in meiner Klasse waren. Die Mädchen selber reagierten darauf eigentlich weniger allergisch, sie waren es ja von Anfang an so gewohnt - bei den anderen Jungs war ich hingegen irgendwann komplett "unten durch", weil es mit 8 oder 9 Jahren einfach total uncool ist, sich mit den "doofen Weibern" abzugeben, die bestenfalls zum Verhauen taugten. Ich war immer total unglücklich, wenn ich zum Beispiel im Sportunterricht in der Jungenumkleide quasi ganz allein "im Feindesland" war, ohne meine Freundinnen. Die hatten es gut - sie waren völlig ungestört unter sich in ihrer eigenen Garderobe, während ich inmitten dieser Chaoten hockte! Und dann gab es im Sportunterricht häufig die völlig bescheuerte "Pauschalaufteilung": Die Jungs spielen Fußball, die Mädchen machen rhythmische Sportgymnastik (oder was auch immer…) - wie habe ich das gehasst! Während alle anderen - Männlein wie Weiblein - mit dieser ungefragten Aufteilung offenbar vollkommen zufrieden waren, fühlte ich mich in solchen Situationen immer sehr hilflos und allein gelassen: Ich wollte sowieso nicht beim Fußball mitmachen - irgendwas hierzu erklärt oder vorgemacht hatte uns auch nie jemand, das schien bei einem Haufen wilder Jungs eh nicht nötig. Wie man Fußball spielt, dass wusste ein richtiger Junge ja sowieso - das war quasi genetisch vorprogrammiert, was sollte man da noch groß erklären?

Also stand ich immer am Spielfeldrand und kam mir unbeschreiblich überflüssig und dämlich vor! Die anderen machten sich auch nie die Mühe, mich in ihr Spiel in welcher Art auch immer einzubeziehen. Sie ließen mich deutlich merken, dass ich hier fehl am Platze war und ich sie möglichst nicht stören sollte beim Kicken. So ließen wir uns gegenseitig in Ruhe, da konnte der Sportlehrer auch noch so rummotzen, wenn er sich denn überhaupt mal die Mühe machte, die Jungs beim Fußballern zu beaufsichtigen - das lief ja bequemerweise eh wie von selbst: Gib diesen "Halbwilden" einen Ball und einen Bolzplatz und sie sind für Stunden völlig glücklich und beschäftigt….!

Dass ich für Jungs eigentlich immer schon mehr empfand als es "üblich" war, dass sie mich also erotisch irgendwie ansprachen, das ist bei mir noch nie anders gewesen - und wenn, dann kann ich mich jedenfalls nicht mehr daran erinnern. Das empfand ich anfänglich natürlich als ganz normal, da mir die Vergleichsmöglichkeiten fehlten. Aber peu à peu wurde mir klar, dass da etwas mit mir nicht stimmte - überall wurde einem vorgehalten und vorgelebt, dass nur Männlein zu Weiblein gehört und nur diese sich ineinander verlieben können und dürfen: Im Fernsehen, in Märchen und Büchern, in der Familie, bei Freunden, in der Stadt - als ich irgendwann realisierte, dass ich mit meiner Vorliebe für Jungs - statt Mädels - offensichtlich von der großen Masse meiner Umwelt abwich, damit also quasi "unnormal" war, war das natürlich ein ziemlicher Schock für mich. Ich glaube, das ist leider eine elementare Erfahrung, die jeder schwule Junge macht/ machen muss: "Ich bin anders als die meisten anderen und das, was ich bin, wird wiederum von den meisten anderen abgelehnt!" Denn auch das bekommt man schnell mit und sei es zunächst nur bei den Älteren, die man in der Schule oder in der Bahn neugierig beobachtet. Die erste - und völlig natürliche - Reaktion auf diese Erkenntnis ist natürlich: Behalt es für dich! Das darf niemand je erfahren! Deine Schulkameraden nicht und deine Eltern schon gar nicht!! Und dann fühlt man sich mit diesem großen, tiefen und so furchtbar schwerwiegenden Geheimnis, das man da in sich trägt, sehr, sehr einsam und alleingelassen, weil man nicht weiß, wohin man sich wenden soll und weil man meint, dass man hier quasi zu ewigem Schweigen verurteilt ist, weil man mit der entsetzlichen Wahrheit sich selbst, aber auch die Eltern und die Geschwister, die ganze gewohnte Umwelt unwiderruflich zerstören würde. Und dann die ständige Angst, unfreiwillig durch irgendeinen dummen Zufall entdeckt, bloßgestellt und verachtet zu werden! Verachtet für etwas, für das man nichts kann, was man sich bestimmt nicht freiwillig ausgesucht hat (wer würde das in einer Gesellschaft wie dieser schon aus freien Stücken tun???) und das wie ein großer Fluch auf einem zu lasten scheint.

Ich habe mit viel Interesse im Laufe der Jahre verschiedene Coming-out-Berichte von anderen Schwulen gelesen und feststellen dürfen (oder müssen), dass es vielen, vielen anderen ganz genauso gegangen ist wie mir. Im Nachhinein ist das natürlich sehr tröstlich (und erschreckend zugleich, denn es ist natürlich schlimm, dass so viele andere diese Phase auch durchleiden müssen!), weil man sich mit diesen Erfahrungen und Ängsten nicht mehr so alleine fühlt - aber wenn man mittendrin in dieser Situation steckt, die für einen selber ja auch noch ganz neu ist, dann weiß man das ja leider noch nicht und dabei würde genau das einem doch schon so viel Trost geben - zu wissen, dass man nicht alleine mit diesem Problem dasteht! Leider ist man erst hinterher immer klüger…

Das ist leider ein Problem unserer Gesellschaft: Da wird einem allgegenwärtig die Hetero-Normalität vorgelebt und vorgegaukelt und diejenigen, die nicht in dieses allgemeingültige Raster passen und sich nicht anpassen und unterordnen können oder wollen, werden nicht berücksichtigt oder sogar fallen gelassen!
Besonders schlimm finde ich es, wenn man in Coming-out-Berichten liest, dass manch einer an dieser Sache fast zerbrochen wäre, bzw. tatsächlich daran zugrunde gegangen ist und seinem Leben ein Ende gesetzt hat. Das ist so unfair, dass ich heulen könnte, echt!

Ich bin froh, dass das bei mir nicht der Fall war, aber dazu beim nächsten Mal mehr…

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