Freitag, 13. März 2009
Anders sein (Teil 2)
Als ich aufs Gymnasium kam, war mir klar, dass ich schwul bin. Es war aber für mich persönlich eigentlich nur noch ein weiterer Mosaikstein, den ich meiner bestehenden Sammlung an Facetten meiner Andersartigkeit quasi nur noch hinzufügen musste.

Ich hatte ja schon das "Stigma" des "Mädchenverstehers" bei den anderen Jungs weg und auch die Tröstungsversuche meiner Eltern, die mir klarzumachen versuchten, dass die anderen Jungs mich um meinen Draht zu den Mädels eines Tages echt beneiden würden, nämlich dann, wenn sie selbst auch anfangen würden, sich für Mädchen zu interessieren und dann nicht wüssten, wie sie mit denen vernünftig in Kontakt treten könnten, halfen mir dabei nicht wirklich weiter. Hielten meine Eltern mich damals für besonders frühreif und damit für einen raffinierten kleinen Casanova? Ich wusste ja, dass ich mich nie so für Mädchen interessieren würde können, wie es eigentlich eines Tages von mir erwartet werden würde.

Dann war da noch mein seltsamer Musikgeschmack: Bei mir war da nix mit Hiphop, Gangsta-Rap oder Gott weiß was noch für einem Kram, den die meisten anderen Jungs ständig hörten. Und die Boygroup-Manie meiner Freundinnen konnte mich, abgesehen von einigen netten optischen Eindrücken, auch nie voll zufriedenstellen - wenngleich diese Musik auch deutlich hörbarer war, als das Zeug, was die Jungs cool fanden (ob sie das wirklich mochten oder es nur hörten, weil es "in" war, habe ich nie herausgefunden).

Ich hatte nur recht schnell gelernt, meine Musikvorlieben (klassisches Klavier, Konzerte, Barockmusik, später dann auch noch Opern aller Art) im Kreise meiner Klassenkameraden nicht weiter zu thematisieren, weil ich gemerkt hatte, dass dieser Musikgeschmack derart absonderlich und außergewöhnlich für einen Jungen meines Alters war, dass ich damit stets nur Schulterzucken und Kopfschütteln erntete (im positivsten Fall!) - es brachte einfach nichts, sich darüber mit irgendwem aus meinem schulischen Umfeld zu unterhalten. Es interessierte niemanden und ich wirkte durch meine Begeisterung dafür umso mehr wie ein weltfremder Freak… Was hätte ich damals für einen Freund gegeben, mit dem ich dieses Hobby, diese Leidenschaft für Musik gemeinsam gehabt hätte!

Mit meiner Lesebegeisterung sah es ähnlich aus - ich war zeitweise wirklich das, was man als eine typische Leseratte bezeichnen konnte, ein spannendes Buch und ich war für Stunden/ Tage nicht mehr ansprechbar… naja, zumindest das konnten einige meiner Freundinnen nachvollziehen…!

Mit 12 oder 13 erwachte dann auch noch mein Interesse für Mode, verrückte Outfits und solche Dinge vollends und ich fing an, mich doch eher ungewöhnlich für einen Jungen meines Alters durchzustylen… Wie die meisten meiner Klassenkameraden (vor allem natürlich die Jungs) auf diesen neuerlichen Freakfaktor meinerseits reagierten, kann man sich leicht ausrechnen…

So gesehen war es für mich dann nur noch ein weiterer "Bonuspunkt", dass ich auch noch eine Schwuchtel war - ich aalte mich zeitweise in einer geradezu genüsslichen "Outsider-Rolle" und lebte das richtig aus: Der Ausgestoßene, der Sonderling, der einsame Rebell - ich hatte eine ausgesprochen melodramatische Phase (naja - die kommt auch heute noch ab und an immer wieder mal nach oben) und viele der Opern, die ich so gerne hörte, lieferten dazu jede Menge passende Vorbilder und einen herrlichen Soundtrack zu den großen Gefühlen, denen ich mich hingab…

Aber trotz allem - oder gerade deswegen - entwickelte sich bei mir eine ausgesprochen unantastbare "Ihr könnt mich alle mal gernhaben!"-Haltung, die vieles an blöden Sprüchen und dummen Anmachen an mir abprallen ließ. Diesen Ignoranten, die mich nicht so sein lassen wollten, wie ich wirklich bin, wollte ich keinen Triumph über mich gönnen! Ich hatte zeitweise eine Scheißwut auf viele Leute und vielleicht lag es daran, dass ich mir und meiner Linie treu geblieben bin, dass ich mich nicht habe verbiegen lassen, weil ich aus dem allen als der Sieger herausgehen wollte, der nicht klein beigegeben hat - und darauf bin ich stolz! Schließlich kann ich nichts dafür, dass ich bin, wie ich bin - ich habe das nie aus dem Antrieb gemacht, provozieren und anecken zu wollen, sondern allein aus dem Grund, weil ich ich sein wollte, so wie alle anderen auch. Dass dieses "Ich" nicht so kompatibel war wie viele andere "Ichs" war ja nun wirklich nicht meine Schuld.

Irgendwann entwickelte sich dann auch so etwas wie Stolz darauf, anders als die gesichtslose Masse zu sein und damit so etwas wie echte Individualität und Durchsetzungsvermögen zu besitzen. Spätestens zu dem Zeitpunkt war mein öffentliches Coming-out dann nur noch eine Frage der Zeit - auf dieses weitere Detail, das ich damit dann auch noch allen anderen bekannt gab, kam es nun auch nicht mehr an. Und tatsächlich hatte ich den Eindruck, dass mein "Ich bin übrigens schwul!" längst nicht die Wellen schlug, wie ich das noch ein paar Jahre zuvor befürchtet hatte - ich glaube, von mir hatten die anderen eh schon so etwas in der Art (die "Symptome" waren ja schon ziemlich eindeutig, wie ich im Nachhinein feststellen muss) oder vielleicht noch viel wildere Dinge befürchtet: "Meine Mutter ist ein Alien" - oder so was in der Art? *grins*

In all den Jahren habe ich irgendwie einen Hang zur Selbstbeobachtung und -reflektion entwickelt, der vielleicht für jemandem in meinem Alter nicht so ganz typisch ist, aber wer ständig in der großen gesichtslosen Masse mitschwimmt und dort nie heraussticht, muss ja auch nicht ab und an mal innehalten und sich fragen, warum er ist, wie er ist und was an ihm so anders ist, dass er sich von den anderen so dermaßen unterscheidet…

Im Zweifel kann es aber sicher nichts schaden, wenn man sich selbst gut kennt und sich auch ab und an mal hinterfragt und selbstkritisch auf den imaginären Prüfstand stellt - da weiß man dann wenigstens immer ganz genau, was man will, was nicht und warum…

Das Ganze wäre mir aber sicher nicht so gut gelungen, wenn ich von meiner Familie nicht immer so hundertprozentig unterstützt worden wäre - egal, welch abgefahrene Phase ich gerade mal wieder hatte (und davon gab es - gerade in Bezug auf Klamotten und Frisuren - so einige!), ich wusste, dass ich mich im Zweifel auf meine Leute verlassen konnte und dass sie hinter und zu mir standen, egal was passierte. So etwas wünsche ich wirklich jedem und jeder - es gibt keine größere Sicherheit als dieses Vertrauen!

Und im Laufe der Schulzeit habe ich dann auch noch wirklich gute und feste Freunde gefunden, auf die ich mich auch immer verlassen kann - und da sind nicht nur Mädels dabei sondern auch ein paar Jungs, die mir bewiesen haben, dass nicht alle (männlichen) Heten als echte Freunde völlig unbrauchbar sind!!! *zwinker*

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Irgendwie komme ich mir gerade ziemlich dämlich vor.
Nicht weil ich dich nicht verstehe, sondern eher weil ich mir ziemliche Gedanken gemacht habe was vorallem meine Eltern und die Leute um mich herum über mich denken würden wenn sich wüssten das ich nicht nur auf Mädchen stehe.

Du weißt das schon lange und schämst dich nicht dafür, das beeindruckt mich.

Ich werd deinen Blog auf jedenfall abonnieren.


Wie alt bist du eigentlich? Ich meine, ich bin ja erst 17 (fast)

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